POLITICS STOCKHOLM-SYNDROM & SYLVIO
In der Zeitung Corriere della Sera wird Tag für Tag eine "politische Lösung" angemahnt, ganz so, als sei das juristische Urteil gegen Berlusconi für die Politik belanglos. Politische Autoritäten wie der greise Chef der Radikalen Partei, Marco Pannella, und die Außenministerin der Regierungskoalition, Emma Bonino, bringen die Option einer Amnestie ins Spiel – nicht nur für Berlusconi, versteht sich, sondern gleich für einen großen Teil der italienischen Strafgefangenen. Andere schlagen statt einer Gefängnis- eine Geldstrafe vor – es handele sich nicht um Steuerbetrug, sondern um ein Versehen, wie es jedem jederzeit passieren könne.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein Teil der politischen Klasse in Italien unter einem galoppierenden Wirklichkeitsverlust leidet, genauer: unter dem "Stockholm-Syndrom". Die Geisel hat sich in 20 Jahren an die Sicht des Erpressers gewöhnt und identifiziert sich mit ihm. Gerichtsurteile sind keine Urteile, sondern stellen "ein Problem dar, das eine politische Lösung verlangt"; Straftaten wie Steuerbetrug sind keine Straftaten, sondern Verleumdungen einer politisierten Justiz; ein endgültiges Urteil soll nicht von berufenen Richtern, sondern vom "Volk" verhängt werden.
ZEIT Peter Schneider 38 DAS VERMÄCHTNIS DES ZERSTOERERS