LOTHAR KREYSSIG

Heiliger

 


Lothar Kreyssig



Mutig widersetzte er sich der "Euthanasie"-Politik der Nazis. Vor 50 Jahren gründete er die Aktion Sühnezeichen.

Im Frühjahr 1940 machte Lothar Kreyssig eine üble Entdeckung: Behinderte, für die er als Vormundschaftsrichter am Brandenburger Gericht verantwortlich war, verschwanden einfach aus den sie betreuenden Anstalten. Kreyssig hatte einen Verdacht, und er zögerte nicht lange. Er schrieb an Reichsjustizminister Franz Gürtner, dass offensichtlich massenhaft Behinderte ermordet würden. Er wurde einbestellt und erfuhr: Adolf Hitler selbst habe diese "Euthanasie"-Aktion angeordnet, die Reichskanzlei leite sie. Da gab es für Richter Kreyssig nur eine angemessene Reaktion: Er zeigte den Kanzleichef und "Reichsleiter" Philipp Bouhler wegen Mordes an. Und er verbot den Leitern der Einrichtungen, seine Mündel ohne seine ausdrückliche Erlaubnis wegzubringen.

Sein Verhalten, das exakt geltendem Recht entsprach, erregte in Justiz und Politik große Aufmerksamkeit. Am 13. November 1940 war er wieder im Justizministerium, diesmal beim Minister selbst, der ihm das Handschreiben Hitlers zur "Euthanasie" vorlegte. Auch dessen Worte konnten den unbotmäßigen Richter nicht beeindrucken. Lapidar erklärte er: "Ein Führerbefehl schafft kein Recht", ein Wort, das immer weitere Kreise im Gerichtswesen des Landes zog - wie auch die Erwiderung des Ministers: Dann könne Kreyssig kein Richter mehr sein. 16 Monate später wurde er durch einen Erlass Hitlers in den Ruhestand versetzt.

Kreyssigs Widerstand gegen Hitlers "Euthanasie"-Anordnung war fast einzigartig in der deutschen Justiz. Dass die Justiz in dieser Frage fast flächendeckend versagte, ist eine der Erkenntnisse des heutigen Generalstaatsanwalts von Brandenburg, Erardo Cristoforo Rautenberg, eines der besten Kreyssig-Kenner heute. Kreyssig konnte nur deshalb so mutig und konsequent der politischen Gleichschaltung der Justiz widerstehen, weil er einen starken Rückhalt hatte: Er hatte sich bereits 1934 der Bekennenden Kirche angeschlossen, die sich der nationalsozialistisch unterwanderten Landeskirche entgegenstellte. Hinzu kam ein zweiter Kraftpol in seinem Leben: Kreyssig hatte sich 1937 einen - allerdings völlig heruntergekommenen -Bauernhof in Hohenferchesar gekauft, der zunächst sein ganzes Organisationsgeschick forderte, dann aber zu einem Stützpunkt der bekenntnistreuen Kirche wurde. Kreyssig träumte gar davon, hier eine christliche Gemeinschaft entstehen zu lassen. Der Erwerb dieses Hofes machte es notwendig, die bisherige Stellung als Landgerichtsrat in Chemnitz gegen die eines Amtsrichters in Brandenburg an der Havel zu tauschen.

Lothar Kreyssig hatte sich erst vergleichsweise spät für das Christentum interessiert. In jungen Jahren deutsch-national eingestellt und als Student in einer schlagenden Verbindung aktiv, hatte er 1920 beim Kapp-Putsch mit der Waffe gegen die Arbeiter gekämpft. Seine politische Haltung änderte sich erst durch lange Gespräche mit seinem ersten Dienstvorgesetzten, dem Chemnitzer Landgerichtspräsidenten. Im Alter von über dreißig entdeckte er den christlichen Glauben, wenige Jahre später war er bereits einer der Wortführer der Bekennenden Kirche und vermittelte bei der Reichssynode 1936 zwischen zwei Fraktionen: den radikalen und den etwas kompromissbereiteren Kritikern des Nazistaats.

Als bekenntnistreuer Protestant ging Kreyssig Auseinandersetzungen nicht aus dem Weg. In der St.-Gotthard-Kirche in Brandenburg verhinderte er 1939, dass ein regimenaher Pfarrer zum Predigen die Kanzel bestieg. Die offizielle Kirchenspitze, das Konsistorium, versuchte nun, Hand in Hand mit der Geheimen Staatspolizei, ihn kaltzustellen. Nach jahrelangem, oft selbstquälerischem Nachdenken darüber, ob er von sich aus sein Richteramt aufgeben solle, kam ihm Hitler zuvor. Obwohl erst 43 Jahre alt, erhielt Kreyssig seine Richterpension - die politischen Machthaber wollten ihn einfach loswerden.

Die Gründung zweier kirchlicher Einrichtungen zählt zum großen Erbe Kreyssigs: 1957 die der Aktionsgemeinschaft für die Hungernden und 1958 die der Aktion Sühnezeichen. Dass er trotz seiner unerbittlichen Kritik am Nazistaat sein Leben retten konnte, gibt all denen recht, die sagen: Widerstand war möglich.

Eduard Kopp



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